„Wohin mit mir?“ Der Dokumentarfilm über zwei geflüchtete Jugendliche bringt auf die Leinwand, was auch die Bewohner im aussichtsreich-Wohnprojekt aus ihrem Alltag nur zu gut kennen: die Herausforderung, zwischen Asylverfahren, Schule und familiärem Druck einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Etwa 50 Zuschauerinnen sahen sich den Film am 15.10. im Gerlinger Rathaus an. Der Freundeskreis Asyl und die Stadt Gerlingen hatten im Rahmen der Interkulturellen Woche 2026 dazu eingeladen.
Für das anschließende Filmgespräch nahem neben dem Filmemacher Marvin Menné auch Gabi Deibler, 1. Vorsitzende von aussichtsreich e.V., und Baris Aytimur, der vor drei Jahren aus der Türkei geflüchtet ist und jetzt im aussichtsreich wohnt, auf dem Podium Platz und stellten sich den Fragen von Claudia Volz, Freundeskreis Asyl Gerlingen.
Marvin Menné wollte mit seinem Dokumentarfilm die Auswirkungen einer verschärften Asylpolitik sichtbar machen und den Menschen, die davon betroffen sind, ein Gesicht geben. Zwei Jugendliche aus einer Wohngruppe für unbegleitete Minderjährige, einer aus Syrien, der andere aus Afghanistan, hatten Lust bei dem Film mitzumachen. In dem halben Jahr, in dem er die beiden mit der Kamera begleiten durfte, habe er sie als ganz normale, freundliche Jugendliche kennengelernt. Doch ob sie in Deutschland bleiben und die nächsten Integrationsschritte gehen können, sei auch ein Jahr nach der Entstehung des Films offen.
Baris Aytimur erzählte von seiner ersten Zeit im Flüchtlingsheim, ohne deutsche Sprachkenntnisse und Aktivitäten, wo er sich „wie ein Zuschauer auf der anderen Seite“ vorgekommen sei, von der Reserviertheit vieler Deutschen und von den Schwierigkeiten, trotz Abiturs, einen Ausbildungsplatz zu finden. Wie man es trotzdem schaffen könne, Deutsch zu lernen und sich zu integrieren? „Rausgehen aus der Komfortzone, aufeinander zugehen!“ Für die Ausbildung hätten die Betreuerinnen von aussichtsreich sehr geholfen. Drei Jahre nach seiner Flucht fühle er sich endlich angekommen und „zu Hause“.
Gabi Deibler sprach über die Motive und Intention, die zur Gründung des aussichtsreich-Wohnprojekts in Gerlingen geführt haben. Die intensive Begleitung Einzelner auf ihrem Weg habe sich besser angefühlt, anstatt vielen nur punktuell „wie mit der Gießkanne“ zu helfen. Dabei gehe es längst nicht nur um formale Hilfe bei Briefen und Anträgen, Aufenthaltsrecht und Deutschlernen, sondern vor allem auch um Beziehungsarbeit und Vertrauen.
Bei den Publikumsfragen wurde auch das Thema Einsamkeit von Geflüchteten und Kontaktmöglichkeiten angesprochen. Dabei wurde konstatiert, dass ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit überwiegend von älteren Frauen getragen werde. Gabi Deibler warb dafür, dass sich mehr Männer hier engagieren, da diese den jungen Männern auf andere Weise begegneten. Wünschenswert wäre zudem, dass Geflüchtete mehr Kontakt zu jungen Leuten ihres Alters bekämen. Alle drei Gesprächsteilnehmer:innen wünschten sich mehr Offenheit und direkte Begegnungen, sowohl von Seiten der großen Politik, als auch in der Stadtgesellschaft in Gerlingen sowie auf der persönlichen Ebene.